Die Macht der Musik

Das kulturelle Leben im deutschen Kriegsgefangenenlager Bando in Japan

Das Barackenlager in Bando

Die japanische Erstaufführung der 9. Symphonie op. 125 in Bando

Bereits ein gutes Jahr vor der Erstaufführung am 1. Juni 1918 stand die Ode "An die Freude" - natürlich in einer Bearbeitung für Männerstimmen - auf einem Programm des Tokushima-Orchesters, in dem einmal mehr auch der von Paul Engel komponierte Tsingtau-Kämpfer-Marsch erklungen war.

Konzert vom 10.6.1917 mit Finalsatz der 9. Symphonie

Für die komplette Aufführung wurde laut Mitteilungen im "Täglichen Telegramm-Dienst Bando" seit dem 3. April geprobt, am 31. Mai gab es eine öffentliche Generalprobe mit dem 80 Mann starken Chor. Wie die meisten Konzerte fand auch dieses wohl in der "Mehrzweckhalle" - der "Baracke 1" - statt.

Vortragsraum in der Baracke 1: Hier wurden Vorträge gehalten, Konzerte gegeben und Theater gespielt.

Das Konzertprogramm ist bezeichnenderweise mit der 1902 in der Ausstellung der Wiener Secession erstmals gezeigten Beethoven-Statue von Max Klinger illustriert, die den Komponisten als antiken Gott stilisiert. Das Originalmodell Klingers ist im Pavillon im Hof des Beethoven-Hauses zu besichtigen. Der Odentext war dem Programm beigegeben, die Mitwirkenden erhielten zur Erläuterung des Werks eine schriftliche Einführung, die wiederum auf der Analyse von Max Chop beruht. Bei dem ausführlichen gedruckten Text über die Symphonie handelt es sich möglicherweise um die Niederschrift eines Vortrags. Er ist von Wagners Beethoven-Bild geprägt und gibt in Auszügen auch das von jenem formulierte "Programm" wieder.

Konzert vom 1.6.1918 mit der vollständigen 9. Symphonie

In der wöchentlich (später monatlich) herausgegebenen Lagerzeitung "Die Baracke" erschien im Gegensatz zu anderen Konzerten zwar keine Rezension, aber in den nächsten zwei Ausgaben eine lange kulturwissenschaftliche Abhandlung von Peter Spurzem mit dem Untertitel "Schiller - Beethoven - Goethe".

Artikel in "Die Baracke" Nr. 10 und 11 vom 2. und 9.6.191

Kurze Zeit später wurde die Symphonie auch in den Lagern Kurume und Narashino aufgeführt. Ihren "Siegeszug" in Japan konnte "Daiku", Nummer Neun, wie die Japaner sie nennen, allerdings erst nach Kriegsende antreten. Erst durch Aufführungen außerhalb der Lager wie z.B. in der Mädchenschule Kurume konnte das Werk allgemein bekannt werden. Es erfreut sich seither einer ungebrochenen Popularität und alljährlich einer Vielzahl von Massenaufführungen. Die ausgestellte Beethoven-Handschrift mit einem Teil der Coda des 2. Satzes ist heute Bestandteil des von der UNESCO definierten "Memory of the World".

Beethovens Handschrift der Coda des 2. Satzes der 9. Symphonie