Die Macht der Musik

Das kulturelle Leben im deutschen Kriegsgefangenenlager Bando in Japan

Das Barackenlager in Bando

Konzerte mit Werken von Beethoven

In Bando gab es zwei Druckereien: die Steindruckerei und die Lagerdruckerei, aus der die meisten Publikationen stammen. Im Gegensatz zum Hektographie-Verfahren mit Matrizen, das man in Marugame verwendet hatte, bediente man sich in Tokushima und in der Folge auch in Bando eines komplizierteren Wachsblatt-Vervielfältigungsverfahrens. Dieses ermöglichte die Herstellung der eindrucksvollen, mehrfarbigen Programme, Postkarten, Landkarten, lagerinterner Briefmarken und Lagergeld, ja sogar von Büchern und Broschüren. Die vielfarbigen Veranstaltungsprogramme sind wertvolles historisches Material, das ein eindrucksvolles Bild der vielseitigen kulturellen Aktivitäten im Lager vermittelt. In den rund 32 Monaten der Kriegsgefangenschaft in Bando lassen sich über 100 Konzerte, Kammermusik-, Lieder- und Unterhaltungsabende nachweisen. Zudem wurden mindestens 21 Theaterstücke z.T. mehrfach hintereinander aufgeführt. Für die Aktiven war die Mitgliedschaft in Orchester, Chor oder Theatergruppe eine Möglichkeit, der Langeweile zu entfliehen (die Kriegsgefangenen mussten keiner Zwangsarbeit nachgehen) und einem "Lagerkoller" vorzubeugen; für die Zuhörer boten die kulturellen Veranstaltungen eine angenehme Unterbrechung des Lageralltags. Die Instrumente hatten die Musiker zum Teil aus China in die Internierung mitgenommen; weitere wurden entweder regulär gekauft, in der Lagertischlerei hergestellt oder von in Japan in Freiheit lebenden deutschen Privatleuten oder japanischen Militärs gespendet. Zum allergrößten Teil wurden gemischte Unterhaltungsprogramme mit leichter Musik gespielt: damals beliebte und bekannte Stücke aus Wiener Operetten von Johann Strauß, Franz von Suppé und Carl Zeller, Märsche und Walzer von Zeitgenossen wie den Berlinern Leon Jessel und Paul Lincke (letzterer bekannt als Vater der "Berliner Operette" durch den Titel "Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft" aus der erfolgreichen "Frau Luna"), aber auch Ouvertüren von Offenbach und Rossini. Nur 18 der 68 vorliegenden Programme boten anspruchsvollere, im engeren Sinne "klassische" Konzerte, darunter sieben Kammermusikabende. Von letzteren waren zwei reine Beethoven-Abende, ein weiterer enthielt Werke Beethovens. Unter den verbleibenden 11 Symphoniekonzerten sind allerdings eindrucksvolle vier reine Beethoven-Programme, weitere zwei Konzerte enthalten zumindest Werke von Beethoven. Die Rezeption des Nationalheiligen, des Heroen und Titanen Beethoven entsprach der patriotischen Gesinnung der Kriegsgefangenen.

Konzert vom 21.10.1917 mit Egmont-Ouvertüre
Konzert vom 9.12.1917 mit Prometheus-Ouvertüre

Aus Anlass der Anwesenheit des im japanischen Kobe lebenden Komponisten Hans Ramseger wurden sein Vorspiel und Ouvertüre zu "Chushingura" aufgeführt. Diese in Japan jedermann bekannte Volkslegende wurde u.a. auch im Kabuki-Theater gepflegt und war 1907 erstmals verfilmt worden. Außerdem spielte das Orchester von Paul Engel Carl Maria von Webers "Freischütz" und Beethovens Egmont-Ouvertüre op. 84, die bereits drei Wochen zuvor aufgeführt worden war. Wie schon durch Beethoven selbst, erklang seine Musik auch zu wohltätigen Zwecken, hier zu Gunsten der lagereigenen Krankenkasse die Prometheus-Ouvertüre op. 43.

Konzert vom 24.2.1918 mit 4. Symphonie und
3. Leonoren-Ouvertüre

Das Tokushima-Orchester spielte in einem Beethoven-Abend vermutlich die japanische Erstaufführung der 4. Symphonie op. 60; dazu gab es einen Einführungstext, dem Max Chops Publikation über "Ludwig van Beethovens Symphonien" von 1910 zugrunde liegt. Der Oberhoboistenmaat (Obermaat ist die Dienstgradbezeichnung der Kaiserlichen Marine, Hoboist ein Militärmusiker) Hermann Richard Hansen aus Flensburg leitete sowohl die Kapelle der M.A.K. (Matrosen-Artillerie Kiautschou) als auch das Tokushima-Orchester. Er spielte Violine und mehrere Blasinstrumente.