Die Farbe der Klänge

Tommaso De Meos malerische Umsetzung der neun Sinfonien Beethovens

Die Neunte Sinfonie

Neunte Sinfonie, 1. Satz

Eine Mutter - einen Säugling über der Schulter tragend, einen älteren Sohn an der Hand - blickt inmitten einer grasbewachsenen Landschaft erwartungsvoll der untergehenden Sonne entgegen, welche die Welt, die um sie herum immer mehr in Dunkelheit versinkt, in ein letztes gleißendrotes Licht taucht. Die einbrechende Dunkelheit könnte mit dem Crescendo des ersten Satzes in Verbindung gebracht werden, während die Anspannung und die Sehnsucht, die sich im hoffnungsvollen Warten steigern, zu dem mächtigen, martialisch anmutenden Thema des 1. Satzes passen und so den dramatischen Charakter des Bildes hervorheben würde. De Meo sagt selbst zum Gemälde: "Tatsächlich sind wir es, die tagtäglich auf etwas zu warten scheinen, das jedoch nie kommt."

Neunte Sinfonie, 2. Satz

De Meos malerische Umsetzung des 2. Satzes wählt als Sujet die versunkene Stadt Atlantis. Diese möchte sich scheinbar vom Meeresgrund lösen, um erneut unter dem Licht der Sonne zu erstrahlen. Im Bild wird diese Szene sehr abstrakt dargestellt: Ein einzelner goldener Sonnenstrahl vermag es, die finsteren Fluten zu durchdringen und zur angedeuteten Stadt zu gelangen, während über dem Meeresspiegel, in den leuchtenden Wolken des Himmels, eine dunkle Gestalt sich anzuschicken scheint, sich der Szene zu bemächtigen. Das Bild strahlt eine lebhafte Dynamik aus, die durchaus dem Rhythmus und der Stimmung des bewegten 2. Satzes entspricht.

Neunte Sinfonie, 3. Satz

Das gemächliche, ruhige Tempo des "Adagio" in der 3. Sinfonie wird charakteristischerweise für den Künstler De Meo durch einen starren Dschungel von himmelstürmenden Wolkenkratzern aus Zement ausgedrückt. Das sanfte, organische Wogen des Meeres und das Spiel der Wolken sind der kalten Geometrie des unaufhaltsamen Aufwärtsdrangs des Menschengeschlechts gewichen. De Meo bringt hier seine pessimistische Weltsicht zum Ausdruck und vergleicht diese "Zementstadt" mit Särgen, da der Mensch 200 Jahre nach der Geburt Beethovens die Fähigkeit, wahre Kunst zu erschaffen, verloren habe und nunmehr nur noch in der Lage sei, Särge zu erbauen. Die Schwermut des 3. Satzes sieht der Maler als Warnung an die Menschheit, sich zurückzubesinnen.

Neunte Sinfonie, 4. Satz

Beim letzten Gemälde des Beethoven-Sinfonien-Zyklus handelt es sich um eine ungewöhnliche Darstellung zum Finale der 9. Sinfonie Beethovens. Während andere Maler hier häufig Menschen zeigen und damit auf die menschlichen Stimmen im Schlusschor der Komposition anspielen, stellt De Meo eine einzelne im Wind flatternde Fahne in einer Berglandschaft dar.

Die Freude, von der der Chor singt, wird durch eine kraftvolles, vielfarbiges Kolorit im Bild ausgedrückt, und auch die innere Bewegung der Musik findet ihre bildliche Parallele - im heftigen Flattern der Fahne und den lebhaften Pinselstrichen, aus denen die Darstellung aufgebaut ist.

Wird hier Positives ins Bild gesetzt, so sieht De Meo jedoch zugleich einen starken Kontrast zwischen der hoffnungsvollen Vision, die Beethovens Musik bietet, und der Realität des mittleren 20. Jahrhunderts. Deshalb ist sein Bild keine positive Idylle, sondern will durch die Bewegung des Windes, die heftig über den Himmel getriebenen Wolken und die Düsterkeit der Himmelsfärbung zugleich auch aufrütteln.

Wir möchten zum Abschluss den Maler noch einmal selbst zu Wort kommen lassen, der das letzte Gemälde des Zyklus mit folgenden Worten kommentierte:

"Ja, es ist Freude, die der Chor ausdrückt, wenn er ruft 'Gehen wir Brüder, vereinen wir uns, denn hoch droben erwartet uns der wahre Mensch inmitten der Sterne.'

Aber Ihr, denkt Ihr nicht auch, dass uns der Weg, den wir beschritten haben, anstatt nach oben immer tiefer nach unten führen wird? Sind wir nicht dabei, unsere Welt zu zerstören? Sollten wir nicht die Freude dadurch gewinnen, dass wir einander lieben? ... Wir hingegen sind keineswegs dabei, unsere Welt zum ursprünglichen Glück zu führen - seht Ihr das nicht?...

Ich für meinen Teil bin am Ende angelangt - es liegt nun an Euch, Entscheidungen zu fällen und zu urteilen."