Die Farbe der Klänge

Tommaso De Meos malerische Umsetzung der neun Sinfonien Beethovens

Die Sechste Sinfonie

Sechste Sinfonie, 1. Satz

Bei De Meo finden wir eine höchst originelle Darstellung der 6., der sogenannten Pastoral-Sinfonie, in der Beethoven "Erinnerungen an das Landleben" verarbeitet. Der Maler bringt hier die Naturverbundenheit Beethovens zum Ausdruck; dafür verwendet er Motive, die sich erwartungsgemäß thematisch an den vom Komponisten stammenden Überschriften der einzelnen Sätze orientieren. Andererseits gibt es jedoch auch auffällige Abweichungen in den Interpretationen  des römischen Malers.

Das erste Gemälde eröffnet den Zyklus gleich dem Auftakt eines Bühnenspiels: Wie ein sich öffnender Vorhang gibt das herabhängende Laub der Trauerweide den Blick auf die idyllische Naturszene frei. Das Bild wird dabei von dem satten Grün der fruchtbaren Felder bestimmt, eingerahmt durch die sanften Hügel am Horizont und die bunten Tupfer der Blumen und wilden Gräser im Vordergrund. Allein ein Baum ragt stolz aus der Ebene empor, seine Krone bestrahlt vom Licht der Abendsonne - innerhalb der sonst so harmonischen, auch farblich sanft dargestellten Szene, die durchaus Beethovens Beschreibung des ersten Satzes als Quell "heiterer Gefühle" entspricht, gemahnt der einsame Baum in der menschenleeren Landschaft an das bei De Meo so oft vorkommende Motiv der Isolation.

Sechste Sinfonie, 2. Satz

Von Beethoven als "Szene am Bach" bezeichnet, ist es eben jenes Gewässer, welches die künstlerische Umsetzung des zweiten Satzes der Sinfonie dominiert. Hierbei fallen jedoch erste Kontraste zwischen den Überschriften des Komponisten und der Interpretation des Malers auf: Was am rechten Bildrand als kleines Rinnsal beginnt, weitet sich nach seinem Sturz ins Tal zu einem Strom, ja zu einem See aus, an dessen jenseitigem Ufer die Konturen von Erde und Wasser verschwimmen und eins zu werden scheinen. Die idyllische Ruhe und satten Töne des ersten Bildes weichen hier einer energischen, schroffen Naturdarstellung, in der kahle, gerippenartige Bäume sich den dahinjagenden Wolken eines nahenden Sturmes entgegenstrecken.

Sechste Sinfonie, 3. Satz

De Meos Gemälde zum 3. Satz der Sinfonie unterscheidet sich sowohl in der Wahl seines Sujets als auch in seiner abstrakten Darstellungsweise von seinen Vorgängern im Bilderzyklus. Während Beethoven musikalisch das "lustige Zusammensein der Landleute" darstellte, scheint De Meos Interpretation in der Darstellung der bunten, verschlungenen, kahlen Bäume einen fröhlichen Dorfreigen auf düstere Weise zu karikieren. Anstelle einer Tanzmusik mögen es hier die Böen des aufkommenden Gewitters sein, welche die Figuren zu- und voneinander treiben; anstelle von Gelächter vermeint man das Ächzen der Wipfel im Wind zu hören. De Meo nimmt hier den Sturm vorweg, der das bestimmende Motiv des 4. Satzes der Sinfonie sein wird.

Sechste Sinfonie, 4. Satz

Das vierte Gemälde zur sechsten Sinfonie zeigt nunmehr den vormals angedeuteten Sturm in seiner ganzen Gewalt. Wie so häufig bei De Meo sind die Bäume das primäre Objekt der Mächte der Natur: Ihre laublosen Wipfel vom Wind gebeugt, ihre zerbrechlichen Stämme fast entwurzelt, scheinen sie dem Sturm kaum mehr trotzen zu können. Auffällig ist, wie gerade durch die Ähnlichkeit mit der Ruhe des ersten Bildes - das Gras im Vordergrund nicht mehr sanft wogend, sondern gepeitscht, die Hügel am Horizont von den Gewitterwolken in ein bedrohliches, rötliches Licht getaucht - der Unterschied zwischen den beiden Szenen verdeutlicht wird. Den harmonischen, ruhigen Grüntönen setzt De Meo hier energische Pinselstriche und den Kontrast der Komplementärfarben rot und grün entgegen, um die vibrationsgeladene Dynamik des Gewitters zu inszenieren.

Sechste Sinfonie, 5. Satz

Braune Erdtöne dominieren im letzten Gemälde zur 6. Sinfonie. Im Vordergrund säumen bunte Blumen den unteren Bildrand. Ein Hügel mit kahlen Bäumen steht im Zentrum des Gemäldes. Dahinter geht die Sonne auf, deren gleißendes Licht alles beherrscht. Um sie herum breitet sich ein buntes Farbenspektrum aus: Die regenbogenartigen Farben des erleuchteten Himmels spiegeln sich in den bunten Blumen am unteren Bildrand wieder. Die farbenfrohe Szene steht für ein Wiedererwachen des Lebens, für die wiedereinkehrende Ruhe und lebenspendende Harmonie nach der vernichtenden Gewalt des vorangegangen Gewitters. Die Natur streckt sich der Sonne entgegen und erstrahlt nach dem Sturm im neuen Glanz. De Meo verzichtet auch hier auf menschliche Figuren, auch wenn das Blumenmeer an eine bunte Menschenschar erinnern mag: Die Natur und der Aspekt einer umfassenden Erneuerung stehen thematisch im Vordergrund.