Beethoven und Großbritannien

"Wo man Ihre Compositionen allen andern vorzieht"

Die Philharmonic Society

Die Neunte Sinfonie

Charles Neate lud Beethoven für die Saison 1825 abermals nach England ein, um die englische Erstaufführung der 9. Sinfonie zu dirigieren. Gegen ein Honorar von 300 Guineen sollte er zwei neue Werke, eine weitere Sinfonie und ein Konzert, zur Uraufführung bringen. Außerdem könne er eine Akademie zu eigenen Gunsten geben. Offenbar war man sich in London über das Ausmaß von Beethovens Schwerhörigkeit nicht im Klaren. Beethoven bat um eine Erhöhung der Gage um 100 Guineen, die nicht gewährt wurde, Neate ist aber sicher, dass Beethoven trotzdem "vollkommen mit dem Aufenthalt in England zufrieden sein werde". Die Reise kam jedoch abermals nicht zustande. Beethoven legte dem Brief ein von Kopistenhand geschriebenes Fehlerverzeichnis zur 9. Sinfonie bei, merkte jedoch an, dass sich diese Fehler in anderen Abschriften gefunden hätten, aber nicht notwendigerweise auch in der Londoner aufträten. Neate teilte später übrigens mit, dass die Londoner Abschrift fehlerfrei war.

Fehlerverzeichnis zur 9. Sinfonie, 27. Januar 1825

Es gelang der Philharmonic Society im ersten Anlauf nicht, eine den Anforderungen des Werkes entsprechende Aufführung zu Wege zu bringen. Der ungeheuer populäre Kontrabassist Domenico Dragonetti sollte die Bass-Rezitative solistisch ausführen, weswegen er ein Extrahonorar forderte, dass die Gesellschaft allerdings ablehnte. An den Sekretär schrieb er, dass er sogar das Doppelte gefordert hätte, wenn er die Partitur bereits gekannt hätte. Eine öffentliche Probe am 1. Februar wurde zum musikalischen und in der Folge zum medialen Fiasko. Dies beeinflusste auch die Kritik der regulären Aufführung am 21. März 1825 maßgeblich. Das Werk galt den Kritikern als zu lang und zu schwierig. Der Dirigent, der gewissenhafte Künstler Sir George Smart, hatte die Direktoren der Philharmonic Society noch kurz zuvor dringend ersucht, die Aufführung zu verschieben, bis geklärt sei, ob Beethoven nach London komme und trotz seiner - in London womöglich unterschätzten - Schwerhörigkeit "an der Aufführung Anteil nehmen" könne (wie es salomonisch bei der Wiener Uraufführung hieß), bzw. Fragen geklärt seien, die etwa das richtige Tempo für das Bass-Rezitativ im 4. Satz beträfen. Auf Drängen der Wiener Freunde Beethovens war die Sinfonie entgegen der Abmachung mit der Philharmonischen Gesellschaft bereits ein knappes Jahr zuvor, am 7. Mai 1824, in Wien uraufgeführt worden; dort allerdings mit überwältigendem Erfolg. Erst zehn Jahre nach der englischen Erstaufführung gelang auch der Durchbruch in London. Die Royal Academy führte in den Hanover Square Rooms das Chorfinale separat auf, diesmal in einer englischen Übersetzung des Dirigenten Charles Lucas. Die Botschaft wurde nun verstanden. Weitere zwei Jahre später gelang dann auch der Philharmonic Society eine rundum gelungene Aufführung unter Ignaz Moscheles, die zum Vorschlag führte, das Werk jedes Jahr mit einem Chor von 1000 Sängern und einem 500-köpfigen Orchester als Apotheose, als große Freimaurer-Hymne Europas, erklingen zu lassen. Dieser Gedanke wurde in anderer Form im Jahre 1972 Realität. Der Straßburger Ministerrat der Europäischen Gemeinschaft beschloss offiziell, einen Ausschnitt aus dem Chorfinale in einer rein instrumentalen Fassung zur Europa-Hymne zu bestimmen.

Programm der englischen Erstaufführung von Beethovens 9. Sinfonie am 21. März 1825 mit handschriftlichen Vermerken von George Smart The British Library

Sir George Smart besuchte ein halbes Jahr nach der Aufführung Wien und traf sich mehrmals mit Beethoven in Wien und Baden.

Sir George Thomas Smart (1776-1876)

Bei seinem Abschiedsbesuch am 16. September schenkte Smart dem verehrten Komponisten eine Diamantnadel zum Andenken. Als Dank komponierte Beethoven für ihn den Kanon "Ars longa, vita brevis" WoO 192, "so schnell seine Feder schreiben wollte, in einer Zeit von etwa zwei Minuten", wie Smart in seinem Tagebuch notierte. Die eigenhändige Widmung lautet: "Geschrieben am 16ten September 1825 in Baden, als mich mein lieber talentvoller Musikkünstler u. Freund Smart (aus England) allhier besuchte. Ludwig van Beethoven".

Kanon "Ars longa, vita brevis" The British Library