Beethoven und Großbritannien

"Wo man Ihre Compositionen allen andern vorzieht"

Die Philharmonic Society

Die Neunte Sinfonie

Beethovens wichtigster institutioneller Partner in England wurde die 1813 in London gegründete Philharmonic Society. Die weitgehend privat organisierte Gesellschaft hatte sich die Veranstaltung von Konzerten auf höchst professionellem Niveau auf ihre Fahnen geschrieben. Viele Bezugspersonen Beethovens spielten eine wichtige Rolle: Die schon mehrfach erwähnten Musiker Sir George Smart und Ferdinand Ries gehörten zum Direktorium, der Pianist, Cellist und Komponist Charles Neate war einer der Gründungsväter. In den ersten Konzerten bildete jeweils ein Werk Beethovens den Fixpunkt. Meist war dies eine Sinfonie aber auch Werke wie das beliebte Septett op. 20 oder das Quintett op. 29 standen auf dem Programm. In den zeitüblichen Mischprogrammen erklangen außerdem Werke von Cherubini, Mozart, Haydn und Boccherini. 1815 kaufte die Philharmonic Society drei aus der Reihe von Werken, die Beethoven Smart und Salomon zur Vermittlung nach England angeboten hatte: die Schauspielouvertüren zu "Die Ruinen von Athen" op. 113 und "König Stephan" op. 117 sowie die Ouvertüre "Zur Namensfeier" op. 115. Im gleichen Jahr hielt sich Neate in Wien auf, wo er Beethoven besuchte und bei seiner Abreise nach London im Februar 1816 etliche Werke mit nach London nahm, um sie in den Konzerten der Philharmonischen Gesellschaft aufzuführen bzw. Londoner Verleger zu finden. Beethoven hoffte auch auf ein Benefizkonzert zu seinen Gunsten. Allerdings wurde er enttäuscht und fühlte sich hintergangen, nachdem er monatelang nichts von Neate gehörte hatte, aber in der Presse von einer erfolgreichen Aufführung seiner Sinfonie in London las. Ob es sich tatsächlich schon um die neue 7. Sinfonie oder um die schon oft aufgeführte 5. gehandelt hat, ist nicht zweifelsfrei nachzuweisen.

Im folgenden Jahr lud die Philharmonische Gesellschaft Beethoven nach London ein. "Wir möchten Sie gerne nächsten Winter unter uns hier in London haben", schrieb Ferdinand Ries am 9. Juni 1817. Einleitend schmeichelte er dem Komponisten: "Die Philharmonische Gesellschaft wo man Ihre Compositionen allen andern vorzieht, wünscht Ihnen einen Beweis der großen Achtung und Erkenntlichkeit zu geben, für die so vielen schönen Augenblicke, die wir durch Ihre außerordentlich genialischen Werke so oft genossen haben". Konkret bot die Gesellschaft Beethoven 300 Guineen für Beethovens Saisonaufenthalt in London und die Komposition von zwei Sinfonien, die ins Eigentum der Gesellschaft übergehen sollten. Der Aufenthalt ermögliche ihm auch weitere eigene Konzerte, "die eine schöne Summe Geldes einbringen" könnten. Beethoven forderte mindestens weitere 100 Guineen Reisekosten, die sich aber durch einen notwendigen Reisebegleiter noch erhöhen könnten. Das lehnte die Gesellschaft ab, und die Reise kam - sicher auch bedingt durch Beethovens schlechten Gesundheitszustand und die Sorge um seinen Neffen - nicht zustande.

Allerdings hielt Beethoven an dem Vorhaben einer Englandreise fest und schrieb 1822 an Ries: "noch immer hege ich die Gedanken, doch noch nach London zu kommen, wenn es nur meine Gesundheit leidet, vieleicht kommendes Frühjahr?!" In diesem Zusammenhang fragte er auch an: "was würde mir wohl die Harmonie Gesellschaft für ein Honorar für eine Große Sinphonie antragen?". Ries gab die Anfrage weiter und tatsächlich traf das Direktorium in der ersten Planungssitzung für die Saison 1823 einen positiven Entscheid:
"10. November 1822
Resolved that an offer of £ 50 be made to Beethoven for a M[anu].S[cript].Sym[phony]. He having permission to dispose of it at the expiration of Eighteen Months after the receipt of it. It being a proviso that it shall arrive during the Month of March next."
Im Protokollbuch wurde also festgehalten, dass man Beethoven für eine neue, noch ungedruckte Sinfonie ein Honorar von £ 50 anbiete unter der Bedingung, dass das Manuskript im Laufe des März eintreffe. Beethoven habe dann (anders als beim Angebot von 1817) nach Ablauf von 18 Monaten das Recht, frei über die Komposition zu verfügen. Ries teilte Beethoven den Beschluss fünf Tage später mit.

Protokollbuch des Vorstands der Philharmonic Society, 1822 to 1837, Eintrag vom 10. November 1822 The British Library

Anfang 1823 kaufte die Philharmonic Society für £ 25 auch die Ouvertüre zu "Die Weihe des Hauses" op. 124. Eine Abschrift überbrachte der k.k. Gesandtschaftssekretär in London Caspar Bauer. Ende Februar kündigte er Neate an, die Sinfonie auf demselben Wege zu schicken, sobald er das Honorar empfangen habe. Tatsächlich war op. 125 zu dieser Zeit erst in einzelnen Teilen skizziert und komponiert. Außerdem gab er seiner Hoffnung Ausdruck, im nächsten Jahr bei besserer Gesundheit London besuchen zu können: "England mögte ich sehn, u. alle die Herrlichen Künstler, die dort sind, für meine Umstände würde es auch vortheilhaft seyn, indem ich doch nie in Deutschland zu etwas kommen kann."

Brief an Charles Neate, 25. Februar 1823

Die Fertigstellung der Sinfonie verzögerte sich. In mehreren Schreiben an Ries aus dem Jahre 1823 führte Beethoven immer wieder neue Ausflüchte an. Anfang September versprach er dem Kurier Franz Christian Kirchhoffer, Angestellter beim Wiener Bankhaus Hofmann & Goldstein, das Manuskript innerhalb der nächsten zwei Wochen zu liefern. Wie die Quittung bestätigt, musste Kirchhoffer sich noch fast acht Monate gedulden.

Empfangsbestätigung mit eigenhändiger Unterschrift Beethovens, 27. April 1824 The British Library

Neate bestätigte den Empfang der Partitur erst acht Monate später, am 20. Dezember 1824. Die von Beethoven überprüfte Abschrift trägt den eigenhändigen Titel: "Große Sinfonie Geschrieben Für die Philharmonische Gesellschaft in London.- von Ludwig van Beethoven Erster Saz". Die Handschrift bietet im Finale den deutschen Originaltext, in London wurde dann eine englische und eine (nicht ganz vollständige, teils freie) italienische Übersetzung nachgetragen. Schillers Ode "An die Freude" kam in dieser besonders gut singbaren Sprache zur Aufführung.

Vom Komponisten überprüfte Abschrift der 9. Sinfonie, 1824 The British Library