Auf den Spuren Beethovens

Hans Conrad Bodmer und seine Sammlung

Die Sammlung

Eigenhändige Niederschriften

Bodmer konnte in seiner Sammlung eine ganze Reihe von herausragenden "eigenhändigen Niederschriften von Werken Beethovens" vereinigen. Die Sammlung enthält u.a. die so genannten "Autographe" mehrerer Klaviersonaten. Besonders hervorzuheben ist das vollständige Manuskript der "Waldstein-Sonate" op. 53, welches als erste Notenhandschrift noch zu Bodmers Lebzeiten in einem äußerst aufwändigen Verfahren faksimiliert wurde. Aber die Sammlung enthält auch Handschriften von Liedern, Sonaten für Klavier und Soloinstrument und sogar mehrere Blätter zur 9. Symphonie.

Hier sollen Beethovens Handschriften zu seiner letzten größeren Komposition, dem Streichquartett op. 135 in F-Dur, vorgestellt werden. Für den Sammler Bodmer handelte es sich um einen besonderen Glücksfall, konnte er doch, nachdem er 1948 bereits den vollständigen Stimmensatz erworben hatte, kurze Zeit später auch noch die Partitur des ersten Satzes aus der Sammlung Wittgenstein hinzukaufen. Das Partiturautograph wurde bereits zu Beethovens Lebzeiten in separierten Einzelsätzen aufbewahrt, gelangte nach seinem Tod an verschiedene Besitzer und ist heute weit verstreut: den vierten Satz besitzt die Berliner Staatsbibliothek, das "Assai Lento" befindet sich in einem Museum in Morlanwetz (Belgien) und der Verbleib des zweiten Satzes ist unbekannt.

Streichquartett F-Dur op. 135, Partitur des ersten Satzes

Üblicherweise wurden die Instrumentalpartien für die Spieler - die aus der Partitur "herausgezogenen" Stimmensätze - von professionellen Kopisten angefertigt. Insofern stellt dieser Stimmensatz von Beethovens eigener Hand eine Rarität dar. In Gneixendorf, wo sich Beethoven im Herbst 1826 auf dem Landgut seines Bruders Johann aufhielt, fehlte es an einem geeigneten Schreiber, der Verleger Schlesinger benötigte aber dringend die Stimmenabschriften als Stichvorlagen (Instrumentalmusik wurde damals üblicherweise in Stimmen für die Ausführenden und nur in Ausnahmefällen als Partitur publiziert). So war Beethoven gezwungen, sein eigener Kopist zu sein.

Stimmensatz, erste Seite der Violine 1

Dem letzten Satz hat Beethoven ein ungewöhnliches Motto vorangestellt: "Der schwer gefaßte Entschluß", der musikalisch durch den Widerstreite zweier konträrer Motive zum Ausdruck gebracht wird, die auch von vornherein vorgestellt werden:
"Grave: Muß es seyn?" "Allegro: Es muß seyn! Es muß seyn!"

Violastimme, Beginn des letzten Satzes

Es gibt mehrere Erklärungsversuche für das Zitat, Beethovens Freund und zweiter Geiger des Schuppanzigh-Quartetts Karl Holz berichtet folgende Anekdote, die durch Einträge in Konversationshefte gestützt wird: "Beethoven hatte eben das Quartett in B [op. 130] vollendet und überließ das Manuscript seinem Freunde Schuppanzigh zur Aufführung, womit sich dieser reichlich Einnahme versprach. Um so mehr ärgerte sich Beethoven, als er nach der Production erfuhr, daß sich ein in Wien bekannter wohlhabender Musikliebhaber D[embscher] dabei nicht einfand, indem er behauptete, er könne dieses Quartett in der Folge im eigenen Cirkel und von tüchtigen Künstlern aufführen lassen; das Manuscript von B. zu erhalten, falle ihm nicht schwer. Dieser Herr wandte sich nun wirklich in kurzer Zeit durch die Fürsprache eines Freundes an Beethoven, und ließ ihn um die Stimmen zu dem neuesten Quartett ersuchen. Beethoven erklärte ihm hierauf schriftlich, er wolle die Stimmen schicken, wenn Schuppanzigh für die erste Aufführung mit 50 fl. entschädigt würde. Ganz unangenehm überrascht sagte nun D. dem Überbringer des Billets: ‚Wenn es sein muß -!´ Diese Antwort wurde Beethoven hinterbracht, worüber er herzlich lachte, und augenblicklich den Canon niederschrieb: 'Es muß seyn! Es muß seyn!' [WoO 196]. Aus diesem Canon entstand im Spätherbste des Jahres 1826 das Finale seines letzten Quartetts in F-dur, welches er überschrieb: 'Der schwer gefaßte Entschluß'."