Auf den Spuren Beethovens

Hans Conrad Bodmer und seine Sammlung

Die Sammlung

Die Beethoven-Bibliothek

Die umfangreiche Erstausgabensammlung, Literatur über Beethoven und Dokumente der frühen Beethoven-Rezeption bilden den Kernbestand von Bodmers Beethoven-Bibliothek. Antiquare und Kunsthändler aus der ganzen Welt versorgten den Schweizer mit Angeboten. Der Aufbau der Bibliothek lässt sich trotzdem nicht mehr lückenlos nachvollziehen. Nur aus wenigen Briefen und Listen in seinem Nachlass kann man ersehen, wann, wie, warum und von wem er welche Bücher und Noten erwarb.
Zu Bodmers ersten Anlaufstellen muss das Buch- und Kunstantiquariat C. Lang in Zürich gehört haben. Die 1918 angebotene erste deutsche Stimmenausgabe der Schottischen Lieder op. 108 von Schlesinger markiert den Beginn von Bodmers aktivem Sammeln Beethovenscher Erstausgaben (aus älterem Familienbesitz stammen die Originalausgaben der Violinsonaten op. 12 und der Klaviersonaten
op. 31).

Deutsche Erstausgabe der "Schottischen Lieder" op. 108

Anfang der 1930er Jahre erwarb Bodmer mehrfach Beethoveniana-Raritäten von dem in Rom lebenden Antiquar, Schriftsteller und Kunstsammler Karl Eugen Schmidt.
Ein enger persönlicher Kontakt entwickelte sich zum Zürcher Antiquar August Laube. Von ihm erwarb er noch 1955 drei weitere Erstausgaben, wobei ihm die Originalausgabe der Klavierfantasie op. 77 besonders wichtig war, da sich auch schon das Autograph in seinem Besitz befand. Das vierte Stück seiner Kaufentscheidung, die 1921 in Wien erschienene Faksimileausgabe der "Mondschein-Sonate", bereicherte nicht nur Bodmers kleine Faksimilesammlung von bisher sechs Ausgaben, sondern mag ihm auch wegen der Autogramme von Arturo Toscanini, Moriz Rosenthal, Eugen d´Albert, Felix Weingartner, Frederic Lamond, Conrad Ansorge, Erich Kleiber und Bronislaw Huberman willkommen gewesen sein.

Bodmer legte zu seinen Lebzeiten kein vollständiges Gesamtverzeichnis seiner Bibliothek an; der 1939 herausgegebene Katalog von Max Unger enthält zwar die Musikdrucke, erwähnt aber die Büchersammlung nicht. Eine erste Zusammenstellung mit dem Titel "Bibliotheka Beethoveniana" hatte Bodmer 1926 im Rahmen der geplanten Schrift zu Beethovens 100. Todestag angefertigt. Sie enthält eine Auswahl von 28 Büchern, die Bodmer "ausser den einschlägigen Werke deutscher, englischer & französischer Sprache" für nennenswert hält, wobei er die beiden seltenen Erstausgaben der Beethoven-Biographien von Johann Aloys Schlosser und Franz Gerhard Wegeler mit Ferdinand Ries noch einmal besonders gekennzeichnet hat. Das folgende Verzeichnis der Erstausgaben enthält als besondere Rarität die Prachtausgabe von Beethovens Kantate zum Wiener Kongress "Der glorreiche Augenblick" op. 136.

Einband Prachtausgabe der Kantate "Der glorreiche Augenblick" op. 136, erschienen bei Haslinger 1837
Titelblatt der Prachtausgabe

Bei den Erstausgaben hat Bodmer Vollständigkeit angestrebt. Er verschaffte sich Überblick über seine Bestandslücken und legte Desiderata-Listen an. Außerdem erstellte er ein ausführlicheres Verzeichnis seiner Erstausgaben-Bibliothek in Heftform, das ihm Inventar und Bestandslücken zugleich aufzeigte, und das er bis zu seinem Tod benutzte. Für jedes Werk mit Opuszahl reservierte er eine halbe Seite des DIN-A5-großen Heftes. Unter der Opuszahl führte er nach und nach, zuerst mit Bleistift, später mit Kugelschreiber die jeweiligen Ausgaben (nicht nur Erstausgaben) aus seiner Sammlung auf. Vor der Opuszahl markierte er auf seine ihm eigene Weise den Sammlungsstand mit folgenden Bezeichnungen: schräger rot-blauer Doppelstrich "= Erstausgabe vollständig", schräger blauer Strich
"= Erstausgabe teilweise vollständig", Bleistiftkreis "= fehlt noch in Sammlung", rotes "O M = Original Manuskript in Sammlung". Der Inventarkatalog gibt allerdings keine Auskunft über Händler oder gar Einkaufspreise, auch frühere Besitzer und Sammlungen erwähnt Bodmer nur vereinzelt.

Inventarkatalog der Erstausgaben mit Opuszahlen

In der Bibliothek des Beethoven-Hauses stehen die Bücher und Noten heute geschlossen aufgestellt, jede Signatur beginnt mit "HCB". Die Analyse der elektronischen Bestandsdaten ergibt für Bodmers Bibliothek folgendes Bild:

1) Literatur insgesamt: 886 Titel, Schwerpunkt: Literatur aus dem 19. Jahrhundert (ab 1797), aber auch die wichtigste Sekundärliteratur bis 1955 ist vertreten; davon:
• 177 Bücher, überwiegend zur Musikgeschichte, einige Viennensia
• 360 Bücher über Beethoven, darunter auch die frühen Erinnerungen und Biographien
• 150 Zeitschriften, die über Beethoven berichten, darunter viele aus der 2ten Hälfte des 19. Jhd.
• 190 Beethoven-Aufsätze in einzelnen Zeitschriftenheften
• 9 Antiquariatskataloge

2) Noten insgesamt: 694 Ausgaben, davon:
• 334 Einzelausgaben von Beethoven-Werken (119 Originalausgaben,
• 6 Originalausgaben mit autographen Eintragungen Beethovens
• 35 Erstausgaben, 64 Titelauflagen, 110 Frühdrucke)
• 47 Taschenpartituren (Eulenburg, Lea) von Werken Beethovens
• 7 Beethoven-Faksimiles
• 241 Ausgaben anderer Komponisten (meistens Frühdrucke)