Auf den Spuren Beethovens

Hans Conrad Bodmer und seine Sammlung

Die Sammlung

Überprüfte Abschriften

Die Sammlung Bodmer enthält verschiedene von Beethoven überprüfte und mit eigenhändigen Bemerkungen versehene Kopistenabschriften seiner Werke, die zumeist als Stichvorlage für die jeweiligen Verleger dienten. Diese so genannten "Überprüften Abschriften" haben einen außerordentlich hohen Quellenwert, da sie im Prinzip die "Fassung letzter Hand" wiedergeben und oft weit über den Stand der Autographe hinausgehen.

Hier soll ein neun Stücke umfassendes Konvolut aus der Sammlung herausgegriffen werden, in dem Abschriften zu Beethovens einziger Oper "Fidelio" vereinigt sind. Beethoven überarbeitete seine Oper zweimal. Die am 20. November 1805 im Theater an der Wien uraufgeführte Urfassung wurde schon nach zwei Wiederholungen abgesetzt. Beethoven nahm dann in der ersten Umarbeitung drastische Striche und Umgestaltungen vor und zog die drei Akte in zwei zusammen. Nach zwei Aufführungen lag dann diese Umarbeitung lange Jahre auf Eis. Erst 1814 wurde die Oper wieder nachgefragt, und Beethoven fertigte eine neuerliche Umarbeitung bzw. teilweise Neufassung an. Auch das Libretto wurde von dem erfahrenen Theatermann Georg Friedrich Treitschke quasi neu verfasst. An diesen schrieb Beethoven Anfang März 1814: "Die Partitur von der oper ist so schrecklich geschrieben als ich je eine gesehn habe, ich muß Note für Note durchsehn, (sie ist wahrscheinlich gestohlen) kurzum ich versichre sie lieber T., die oper erwirbt mir die Märtirerkrone". Die endgültige Version wurde dann am 23. Mai 1814 mit großem Erfolg uraufgeführt. Während der Umarbeitungsphasen hat Beethoven die Arien und Ensembles der Oper, nachdem er sie selbst einmal niedergeschrieben hatte, von Kopisten abschreiben lassen, dann revidiert, wieder abschreiben lassen, wieder revidiert usw. Auf diese Weise entstanden von einigen Nummern zwei, von den meisten drei oder sogar vier verschiedene Fassungen. Dabei schrieb Beethoven stets nur solche Abschnitte noch einmal selbst, die er völlig verändert oder neu komponiert hatte. So wird auch hier das Endstadium der Komposition überwiegend durch Überprüfte Abschriften dokumentiert. Die Abschrift des Terzetts Rocco/Leonore/Marzelline "Gut, Söhnchen, gut" zeigt drei Schichten der Komposition direkt nebeneinander. Bei der ersten Gesamtrevision hatte Beethoven neben zahlreichen kleinen Änderungen mitten heraus einen Passus von vier Takten gestrichen, der in der hier gezeigten Abschrift von 1806 also nicht mehr enthalten war. 1814 entschied Beethoven nun, dass er diese vier Takte doch wieder aufnehmen und statt ihrer lieber den vorausgehenden Abschnitt kürzen sollte. Deshalb entnahm er einer älteren Abschrift der ungekürzten Fassung ein Doppelblatt, schnitt die überflüssigen Takte ab und legte das Manuskript mit der Uraufführungsfassung von 1805 in die Abschrift von 1806 ein. So zeigt nun diese überarbeitete Abschrift die letzte Fassung von 1814.

Kopistenabschrift mit Überarbeitung Beethovens zum Terzett "Gut, Söhnchen, gut" aus der Oper "Fidelio"